 |
ARCHIV 
Landshuter Theatertag 2006
Karolina Schneider
und Petra Schönhöfer über die K-Aktion 2006: "Panta Rhei - alles fließt"
Zwölf
Uhr, High Noon, der Landshuter Theatertag beginnt - mit einem Manifest: „Wir
fahren nicht mehr nach München!" Für Bürgermeister Jacob Entholzner ist die
niederbayerische Regierungshauptstadt das
Oberzentrum der Kultur. Den Reden folgt Musik, die Niederbayerische
Philharmonie spielt Wagner und Tschaikowsky. Dann ein dramatisches Versprechen:
Der Intendant Sven Grunert will ins Wasser gehen! Zusammen mit Stefan Tilch vom
Südostbayerischen Städtetheater. Zwei Intendanten gemeinsam zwischen
Schlingpflanzen, Fischaugen und Entengrütze! Warum nur? panta rhei, alles
fließt, ist das dem griechischen Philosoph Heraklit entliehene Motto
dieser Aktion. Der Fluss als Symbol für ewiges Werden und Wandeln, für
den Widerstreit der Gegensätze, der zugleich wieder Ordnung schafft und
Einheit. Ein starkes Bild, das sich Grunert und Tilch für das Happening in der
Isar ausgesucht haben, die der ZufLuss zur Donau ist und damit die Verbindung
zur ganzen Welt. Der Sprung ins kalte Wasser. Das Sich-Treiben-Lassen zu neuen
Ufern. Dem Urelement entsteigen als frischer Geist, wach für alle Veränderungen
und Anstöße, die die Kunst und das Theater bewirken können. Ein Stück
Schöpfungsmythos steckt dahinter, wenn die beiden Intendanten aus dem Wasser
steigen, nachdem sie sich 800 Meter von einer Bühne zur anderen von den
Stromschnellen haben tragen lassen. Verbunden durch ein Seil, das die
Demonstration gemeinsamer Ziele im Bereich des kulturellen Schaffens noch
verstärkt. Eine Menge Schaulustiger, überall beugen sich Menschen über Brücken
und
Mauern
entlang der Isar. Autos müssen anhalten, weil die Begeisterung der Fußgänger
keine Straßenverkehrsordnung kennt. „Und was ist, wenn die die Staustufe
runtergehen?"
- die
Besorgnis einer Passantin ist unbegründet, stehen doch Krankenwagen und
Wasserwacht bereit. Durchs Mikrofon wird das Happening von Schauspielern
kommentiert: „Das Baden in der Isar ist verboten. Das Treiben lassen nicht.",
„Kultur ist billig und kaum bezähmbar!" Die Intendanten retten sich an Land.
Nasse
Spuren auf dem Pflaster führen zu den Kammerspielen. Auf Flossen mag sich die
Muse eingeschlichen haben, die die Dichter zum hauseigenen Poetry Slam
inspirierte. Gedrängt zum Tor heraus steht auf jeden Fall das Publikum, und
kein Floh passt mehr ins Foyer. Bei der öffentlichen Probe sieht man Magda
Stief im Torf stecken, wenn sie die Rolle der Winnie in Samuel Becketts
glückliche tage probt. Ist es eigentlich dramatischer, wenn das Licht den
Zuschauer blendet, ist es die Anstrengung wert, um am Ende durch die Blendung
zu erkennen? muss man die Wiederholung lieben, wenn man das Theater liebt?
Grunert reißt in der Probe am Ende des Tages seine vielen Gäste mit in jenen
Strom, der dem mutigen Schwimmer mittels des Theaters noch eine andere, über
die Lebenswirklichkeit hinausweisende Realität bietet. Jedenfalls ein
Theatertag, der beweist: Es ist nicht nur das K der Kunst oder das K der
Kultur, das Scharen von freiwilligen Helfern, Theaterfreunden und Künstlern in
das kleine theater - Kammerspiele Landshut treibt, sondern vor allem das K von
„Kommt zusammen!"
Karolina Schneider:
Studium
Kommunikationswissenschaft, Neuere Deutsche Literatur, Medienrecht.
Aufbaustudium Theater-, Film-und Fernsehkritik an der Bayerischen
Theaterakademie August Everding in München. Freie Mitarbeit beim Bayerischen
Rundfunk (bei den Sendungen 19.4 und bei Wunsch: Musik auf Bayern 4 Klassik).
Petra Schönhöfer:
Studium der
Theaterwissenschaft, danach Hospitanzen und Assistenzen am Theater der Stadt
Heidelberg. Aufbaustudiengang Theater-, Film- und Fernsehkritik an der
Bayerischen Theaterakademie August Everding. Freie Mitarbeit bei der
Süddeutschen Zeitung, München Kultur.

|