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15
Jahre kleines Theater - WOCHENBLATT-Sonderbeilage Oktober 2007
Sven Grunert im Interview mit
Mathias Forster (Vogue): Der mit der Welt tanzt
Das Interview mit dem Theater-Chef über wahre
Nähe, Ego-Küsse und den Goethe-Vergleich.
S eit
nunmehr 15 Jahren macht er großes Theater im kleinen Theater: Sven Grunert, ein
Theatermacher aus Überzeugung, Liebe und Leidenschaft. Der Intendant
der Bühne im Landshuter Rottenkolberstadel ist ein
ebenso inspirierender wie irritierender Interviewpartner.
Herr Grunert, was fällt Ihnen zu dem Begriff
„Provinz“ ein?
Grunert: Das fängt ja gut an!
„Ovationen küssen das Ego, Provokationen kitzeln
den Geist“, haben Sie einmal gesagt.
Grunert: Also schön, wenn Sie mich unbedingt
kitzeln wollen: Zu „Provinz“ fällt mir viel Gutes ein. Wenn mein Latinum nicht
trügt, bedeutet es so viel wie „Aufgabe, Herausforderung“. In diesem
wundervollen wörtlichen Sinn habe ich immer meine Arbeit in Landshut
verstanden.
Keine Sehnsucht nach der großen Stadt, der großen,
weiten Welt?
Grunert: Ein Grundmotiv des Theaters
ist ja, die Welt auf die Bühne zu holen – die besagte Sehnsucht ist also voll
erfüllt. Außerdem ist „Provinz“ kein Ort, der abseits liegt, sondern eine
eigene Mitte, die es zu entdecken gilt. Das war mein erster Gedanke, als ich
auf dem Weg von Zürich nach Leipzig zu einem ersten Gespräch nach Landshut kam.
Die Isar gab der Stadt Weltläufigkeit, und der Martinsturm wies mir den Weg.
Ich betrat das Theater in der Neustadt – und da war es, im Dunkeln der
unscheinbaren Bühne: die Unbegrenztheit der Möglichkeiten, ein Kosmos im
Kleinen, aus dem Großes wachsen kann.
Goethe ließ Berlin Berlin
sein und etablierte Weimar als kulturellen Mittelpunkt. Ist Landshut Ihr
Weimar?
Grunert: Sind wir jetzt beim
Ego-Küssen? Mit Goethe kann ich mich nur insofern vergleichen, als auch ich im
Jenseits der stadtneurotischen Weltzentren kreative Freiräume erkenne,
Standorte der Muße, die Kraft geben, etwas innerlich Bewegendes zu schaffen,
das dann Strahlkraft nach außen entfaltet.
Das bayerische Kunstministerium feiert Ihr kleines
Theater als „kulturelles Glanzlicht der Region“. Unter Ihrer Leitung avancierte
dieser Landshuter Leuchtkörper zu einer auch national und international
präsenten und gefeierten Bühne. Wie konnte das gelingen?
Grunert: Ich glaube, wir haben mit unserer Hingabe
überzeugt. Mit unserer Hingabe an das Stück, an das Publikum, an die
Lebendigkeit des Theaters wie an das Spiel des Lebens.
Sie waren ja Regieassistent am legendären „piccolo
teatro“ von Giorgio Strehler in Mailand. Hat er Sie diese südländische,
umfassende Idee von Hingabe gelehrt?
Grunert: Natürlich hat er Anteil
daran. Strehler sprach auf einer „Arlecchino“-Probe einmal davon, dass Liebe
mehr sei als ein Gefühl, nämlich ein ganzes Konzept. Ist in diesem Sinne Liebe
im Spiel, entsteht Ahnen, Spüren, Wissen, Sehnen – und wahre Nähe zwischen
Schauspielern und Zuschauern. Dann mag der Vorhang aufgehen!
War nicht auch ein wenig Glück mit im Spiel bei
der großen Karriere des kleinen Theaters?
Grunert: Ja, 1993 wurden wir auf das
europäische Theaterfestival nach Luxemburg eingeladen. Die Produktion wurde
bejubelt, also wollte man uns ein Jahr später wieder dort sehen, als Luxemburg
Kulturhauptstadt Europas war. Dann kamen Zagreb, Sibiu ...
... und jetzt kommen Bukarest und Cluj, wo Ihr
Theater, unterstützt von der Staatskanzlei, offiziell als „Botschafter
bayerischer Staatskultur“ auftreten wird.
Grunert: Ja, gleich auf zwei
Festivals, zusammen mit so renommierten Bühnen wie der Berliner Schaubühne, dem
Katona Josef Theater aus Budapest und der Needcompany aus Brüssel. Diese
Jubiläumsspielzeit ist ein wirklicher Höhepunkt.
Ein anderer Höhepunkt war das Jahr 1998: Da gelang
Ihnen das Kunststück, als einziger deutscher Intendant Ende des 20.
Jahrhunderts einen Theaterneubau zu erkämpfen...
Grunert: ... der, um das Glück
vollkommen zu machen, die Anerkennung zum Deutschen Architekturpreis erhielt.
Und wir gewannen vollkommen neue technische und ästhetische Möglichkeiten. Wir
bekamen eine hochmoderne Bühnentechnik und dazu mit unserer Unterbühne und der
Galerie ganz neue Spielräume. Wir wurden größer, aber das Theater wahrte dabei
seine einmalige Intimität.
Die ja eine magische Anziehungskraft hat – auf das
Publikum wie auf die Künstler.
Grunert: Ja, viele Schauspieler
kommen aus großen Theatern oder von Film und Fernsehen zu uns, um zu spielen.
Ich glaube, der Erfolg liegt in der künstlerischen Konzeption. Theater ist für
uns eben mehr als nur eine Bühne. Wir setzen der Beliebigkeit unserer
Unterhaltungskultur etwas Ernstes entgegen, das Bedeutung schafft und Sinn
produziert, zugleich aber auch – und deswegen – Spaß macht.
Apropos Spaß: Wie ist Ihre Lust am Theater
entstanden?
Grunert: Das war Silvester 1970 in
Böblingen, im Hobbyraum von Freunden. Da lagen Marionetten herum, besonders
hatte es mir ein Räuber mit gelber Zipfelmütze und klingendem Glöckchen
angetan. Ich spielte mit ihm, das heißt: Ich ließ ihn spielen, womit der
Regisseur geboren war. Aber das genügte mir nicht, also baute ich einen Kasten,
der nach vorne offen war und hinter dem ich stehen konnte. Meine Schwester
nähte mir einen Vorhang aus einem Leinentuch und malte darauf eine große gelbe
Sonne. So hatte ich mein erstes Theater gegründet. Und seither habe ich diesen
Raum irgendwie nie mehr verlassen.
Eine wunderschöne Kindheitsgeschichte. Sie haben
heute selbst drei Kinder. Wie führen Sie die ans Theater heran?
Grunert: So oft es geht lasse ich
meine Jungs auf die Bühne, wenn keiner im Theater ist, um ihrer Fantasie einen
Raum zu eröffnen. Regie muss ich dabei nicht führen: Die laufen von selbst
umher, fangen an sich zu verkleiden und zu spielen. Meine Tochter ist im
Jugendspielclub des Deutschen Theaters in Berlin aktiv. Mal sehen, wie die sich
noch entwickelt. Vielleicht liegt es ja in den Genen...
Entwicklung und Gene, zwei
gute Stichworte: Warum um Darwins Willen haben Sie die Evolution zum Überthema
der Jubiläumsspielzeit gemacht?
Grunert: Weil mich das Thema
„Entwicklung“ schon immer fasziniert hat. Gerade mal 400 Gene trennen uns vom
Affen, die wiegen nicht viel, um so mehr fallen sie ins Gewicht (lacht).
Das Theater-Gen ist wohl auch eines der 400, Affen
spielen nicht Theater, oder?
Grunert: Der nackte Affe in uns, den
Desmond Morris einmal so einprägend beschrieben hat, will das manchmal! Deshalb
lautet meine letzte Regieanweisung kurz vor einer Premiere an die Schauspieler:
„Holt die Affen von den Bäumen!“, also: „Gebt Ihnen nicht zuviel
Zucker!“ Das meine ich natürlich sehr liebevoll.
Was machen Affen mit zuviel Zucker?
Grunert: Sie verlieren das Gespür für
alle anderen Geschmäcker, für die Zwischentöne, kurz: den Sinn für die Poesie.
Die ja festes Ensemble-Mitglied bei Ihnen ist.
Worin besteht das Geheimnis, die Poesie über so lange Zeit am Haus zu halten?
Grunert: Indem man nie aufhört, sie
der Wirklichkeit zuzumuten – und umgekehrt. Indem man Grenzgänger und
Querdenker bleibt und den Mut bewahrt, sich immer wieder der unausweichlichen
Veränderung zu stellen. „Alles fließt“, da hat Heraklit recht, man kann nicht
zweimal in denselben Fluss steigen.
Aber „Kultur ist das Floß, das uns alle trägt“,
schreiben Sie in Ihrem Grußwort zum neuen Spielplan.
Grunert: Ja, dieses Floß trägt uns
alle, weil es auf dem Strom schwimmt, manchmal mit ihm, manchmal gegen ihn. Wir
haben uns doch alle in den vergangenen 15 Jahren dauernd verändert, auch als
Reaktion auf äußere Umstände: wechselnde Beziehungen, wechselnde Regierungen,
der 11. September, der Irak-Krieg, Flut- und Klimakatastrophe – die Welt ist
mit jeder Umdrehung eine andere. Daran sollten wir wachsen, statt schwindelig
zu werden. Deshalb ist mir die künstlerische Beschäftigung mit der Zeit als
Erfahrungsraum des Menschen so wichtig. Was mich wieder auf die Evolution
bringt: Wie prägt sie das Bild von uns selbst? Wir haben den aufrechten Gang
gelernt, gut, aber welche Richtung schlägt unser inneres Wachstum ein? Diese
Frage finde ich spannend!
Das Theater als Labor der inneren Evolution?
Grunert: Ganz genau, es ist in
unserer vom Vordergründigen, Plakativen bestimmten Zeit quasi ein Biotop, wo
noch geistiges, seelisches und emotionales Wachstum stattfinden kann. So gerät
Theater zu einem hoffnungsvollen Modell des Lebens. Zu einem Erfahrungsraum,
den wir mit all unseren Sinnen und Gehirnzellen unmittelbar erkunden können. In
ihm wohnen unsere Träume, Fantasien und Utopien ebenso wie die jeweils
aktuellen Brennpunkte der Realität. Theater muss aufrütteln: unsere Gefühle,
aber besonders unser Denken.
Zum Theatertag gab es einen Flyer mit der Aussage
„Denk dein Gehirn!“ Wie war das gemeint?
Grunert: Unser Gehirn ist plastisch,
sagt die Hirnforschung. Wir können es gestalten und zum Blühen bringen, indem
wir die Welt bewusst wahrnehmen und reflektieren. Daher ist Kreativität die
wichtigste Ressource einer Gesellschaft. Wir brauchen Menschen, die eigene
Ideen, eigene Meinungen und eigene authentische Gefühle haben. Die sind die
beste Waffe im Kampf gegen die Herrschaft der Stereotypen und Klischees. Erst,
wenn man etwas nicht einordnen und kategorisieren kann, entsteht Neugier und
Interesse. Warum pilgern denn jedes Jahr Millionen zu Mona Lisa? Weil sie uns
darin erinnert, dass alles Eindeutige todlangweilig, wenn nicht sogar tödlich
ist.
Warum lächelt Mona Lisa?
Grunert: Sie lächelt, weil sie weiß, dass
wir nicht wissen, warum sie lächelt! Und warum lächeln Sie jetzt gerade?
Weil ich eine eindeutige
Frage mit der Bitte um eine mehrdeutige Antwort habe: Ihre drei
Lieblingsstücke?
Grunert: Sturm Möwe Ödipus. Ödipus
erkennt in sich den Sturm und wird zur Möwe. Tschechow kommt und schreibt den
Ödipus zum Sturm und Shakespeare sagt zur Möwe: Mach mich blind.
Sehr schön! Bleiben wir bei
Shakespeare. Am 1. November hat Ihr Remake von Beat Fähs
Sommernachtstraumbearbeitung Premiere. Welche Bedeutung hat diese Inszenierung
für Sie?
Grunert: Beat Fähs Version stand in
den 80ern für eine Ästhetik der Erneuerung: radikal, minimalistisch, heutig. So
war das Theater, das ich machen wollte. Als wir Anfangs der 90er mit einer
Handvoll spielwütiger Schauspieler nach Landshut kamen, waren wir alle erfüllt
von diesem Hauch des Anarchischen. Wir wollten poetisches Theater machen,
emotionales Theater, aufwühlendes Theater! So mauerten wir gegen vorgefasste
Meinungen und rissen gewohnte Vorstellungen ein. „Anarchie in Landshut!“ Ein
neues Theater war geboren. Weg mit allem Moralischen, Ideologischen, wir
suchten alles in der reinen Form des Spiels.
Sonst gab es kein Konzept?
Grunert: Einzig das Spiel wurde
Konzept unserer Theaterarbeit. Das Spiel, das sich auf die Suche nach Räumen
des Möglichen begibt, das dem diktatorischen „Ist“ das freiheitliche „Was wäre
wenn...“ entgegenhält. Im Spiel erkannten wir einen grundsätzlichen Wert des
Menschseins. „Der Mensch spielt nur, wo er Mensch ist, und er ist nur da ganz
Mensch, wo er spielt“ waren Schillers Worte, die uns Pate standen.
Wird das Remake für Überraschungen sorgen?
Grunert: Das hoffe ich doch sehr! Mit
unserer Inszenierung von 1992 haben wir einen Stil geprägt, der sich bis heute
weiterentwickelt hat. Nun will ich mit einem jungen Ensemble sehen, was Neues
passiert, das vom Geist des Alten inspiriert ist. Möge sich der Kreis zur
Spirale schließen. Wir entdecken unsere alten Leidenschaften und entzünden uns
wieder neu an der Idee des kleinen Theaters: Das Kleine im Großen zu sehen wie
auch die Größe des Kleinen.
Ist dies der höhere Sinn des Spielens?
Grunert: Man muss eben Ernst machen
mit dem Spiel, das Unmögliche denken und nach Möglichkeit, besser: „nach
Unmöglichkeit“ auch tun. Solange sich der Vorhang der Imagination hebt,
verspricht die Welt, eine andere zu werden. So lange spielt Theater Welt und
Welt Theater. Vorhang auf, der Tanz beginnt. Bin schon weg. Neuer Stern, neues
Universum...
Herr Grunert, viel Erfolg auf diesem Weg zu den
Sternen in den nächsten 15 Jahren.

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