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Landshuter Zeitung 3. Oktober 2006
Sven Grunert im Interview mit Johannes Goebel: "Die letzten 5 Jahre haben wir
gezaubert"
Herr
Grunert, nächstes
Jahr steht Ihrem Haus ein Jubiläum bevor. Die bisherigen Erfolge sprechen für
sich. Dennoch erhebt sich die Frage, ob sich nicht etwas verändern muss, um die
Kulturarbeit in Landshut und der Region noch lebendiger, authentischer und
hochwertiger zu machen.
Grunert: Um
mit Brechts Worten zu beginnen: „Theater ist Atem". Theater ist Staunen. Das
heißt, wir brauchen eine lebensspendende Kultur, die Zukunft produziert, über
die man nachdenkt, über die man spricht, die man atmet. Kultur, die anregt und
provoziert, die Atem- und Denkräume schafft. Theater soll Staunen und Verstehen
sein, und damit ist Kultur genauso nötig wie Sauerstoff. Kultur bewegt uns und
wir bewegen uns in ihr.
Auf welchen
Säulen
wollen Sie weiterhin Ihre Theaterarbeit in unserer Stadt aufbauen?
Grunert:
Mutige Projekte, überregionale Präsenz, künstlerischer Erfolg, erforschende
Theaterarbeit, Theaterlabor.
Das hört
sich doch sehr elitär an.
Grunert:
überhaupt nicht. Kunst schließt den
Publikumserfolg nicht aus. Die Platzausnutzung ist hervorragend. Landshut hat
das Potenzial, eine wirkliche Theaterhauptstadt abseits der Zentren zu sein.
Zwei Theater, zwei Intendanten, ein Fluss. Wir haben die Landshuter Hochzeit,
wir haben eine spielende Stadt. Da sehe ich ein Wahnsinnspotenzial. Das ist ein
toller Nährboden, auf dem wir uns bewegen können in nächster Zukunft.
Künstlerisch sollen wir das Experiment suchen - inhaltlich und formal. Wir
haben ein tolles Publikum, das ist unser Schatz. Heute pilgern die Münchner
nach Landshut. Landshut hat einen Martin Sperr und eine tolle Geschichte. Wir
müssen uns messen lassen mit jedem Theater dieser Welt.
Voraussetzung dafür ist wohl auch eine
effiziente und "humane" Struktur des Hauses?
Grunert:
Was macht die Struktur unseres Hauses aus? Ein Theater, welches
richtungsweisend ist, was Bürgerengagement und schlanke Struktur anbelangt.
Unser höchstes Gut heißt Idealismus, unser Kapital sind Mut, Phantasie, Kraft
und Flexibilität.
Wir sind ein Schnellboot, kein Luxusdampfer, wendig, phantasievoll und
entdeckungs freudig.
Inwiefern
sind Ihre Erfolge auch überregional gewürdigt worden?
Grunert:
Viele unserer Erfolge sind Sternstunden gewesen. Wir sind auf mittlerweile 15
Theaterfestivals in ganz Europa eingeladen gewesen. Die Vogue schrieb 1999:
„ein Juwel der deutschen Theaterlandschaft". 2005 hat uns die
Theaterfachzeitschrift Deutsche Bühne in der Rubrik "Theater abseits der
Zentren" ausgezeichnet. Seit der Anerkennung zum deutschen Architekturpreis
1999 ist auch unser Theatergebäude ein preisgekrönter Ort. Das macht uns alle
stolz. Jetzt geht es darum, uns eine Perspektive zu geben. Dem Haus, den
Künstlern, dem Trägerverein, den Mitarbeitern, dem Intendanten und nicht
zuletzt auch der Stadt Landshut und seiner Bevölkerung.
Eine
anständige Perspektive hängt aber doch sehr von den finanziellen Möglichkeiten
ab. Seit etwa fünf Jahren werden die Mittel für Ihr Haus gekürzt. Wie passt das
zusammen?
Grunert:
Die letzen fünf Jahre haben wir gezaubert. Trotz
Mittelkürzung seit 2001 gelang uns immer wieder der Spagat zwischen Vision und
Realität. Mit Antigone setzten wir einen neuen Maßstab unserer bisherigen
Arbeit in Landshut. Die Einladung auf das internationale Theaterfestival nach
Sibiu bezeugt das eindrucksvoll. Auch die Auszeichnung mit dem Darstellerpreis
auf den Bayerischen Theatertagen 2006 für unsere Nora-Inszenierung ist ein
Beweis dafür, was man mit Kreativität, Mut, Einsatz, Solidarität und Idealismus
erreichen kann. Jetzt geht es darum, innezuhalten, Luft zu holen und
Perspektiven zu ersinnen, die es mir ermöglichen, weiterhin in der Stadt und in
der Region als Künstler zu wirken.
Wie soll die
Zukunft ausschauen?
Grunert:
Kultur ist das Floß, das uns alle trägt.
Wir müssen
uns bewusst werden, was wir sind und wohin wir wollen als Kulturstadt Landshut.
Auf welchen Ideen und Werten bauen wir unsere Zukunft auf, die eine lebendige,
authentische und hochwertige Kulturarbeit Landshuts und der Region ermöglichen?

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