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Landshuter Zeitung 5. März 2010
Hannelore Meier-Steuhl: "Der
Mensch als Ware und Objekt"
Sven
Grunert inszeniert in Landshut Simon Stephens´ Episoden-Drama "Pornographie"
"Ein Stück muß
von Menschen handeln", lautet das Credo des englischen Dramatikers Simon
Stephens, Jahrgang 1971. Dieser Selbstverpflichtung wird Stephens
uneingeschränkt gerecht. Seine Arbeitsweise hat etwas Reportagehaftes; er
versucht ganz alltägliche Menschen literarisch einzufangen.
So geht es in
seinem Episoden-Drama mit dem marktschreierisch anmutendem Titel "Pornographie"
keineswegs um Sex. Simon Stephens verwendet den Begriff vielmehr im
übertragenen Sinn. Der Mensch als Ware, als Objekt, als Spielball der
Machtgelüste anderer - das gilt wie für die Porno-Industrie auch für die
Figuren in seinem Bühnenstück. Für die Managerin, die ein Firmengeheimnis
verrät; den Schüler, der seiner Lehrerin nachstellt; ein Geschwisterpaar, das
im Suff Inzest begeht, oder für den Professor, der seine ehemalige Studentin
mißbraucht. Tabubrüche werden zu einem Bestandteil des ganz gewöhnlichen
Alltags.
Für Sven Grunert,
der das Stück jetzt am "kleinen theater" in Landshut inszeniert , ist es
wichtig, dem Zuschauer zu vermitteln, dass das Stück zwischen dem 2. und 7.Juli
2005 spielt, während des G-8-Gipfels in London, in einer euphorisierten
Metropole, die gerade zur Olympiastadt gekürt wurde. Hier ereignet sich am
7.Juli der Terroranschlag in der U-Bahn, bei dem 52 Menschen ums Leben kommen.
Die Bomben haben vier gebürtige Briten pakistanischer Herkunft gezündet.
"Stephens zeigt
uns vor dem Hintergrund dieser Tage in Schlaglichtern sieben Einzelschicksale,
sieben Menschen in Grenzverletzungssituationen," so der Regisseur. Durch diese
Tabubrüche, begangen von Personen, die in einer zerrissenen Welt zurechtkommen
müssen, wolle der Autor zeigen, dass Gewalt in jedem von uns angelegt sei.
Die Zuspitzung
der von Stephens geschilderten Vorgänge in einem Attentat macht, so Grunerts
Überzeugung , deutlich, dass Terrorismus gewissermaßen Hand in Hand geht mit
der Pornographisierung unserer Gesellschaft. Aber auch die ungeheure
Beschleunigung von gesellschaftlichen Prozessen, vor allem durch die Medien und
das Internet, überfordere uns alle. "Das Problem", so Grunert, "ist
systemimmanent. Das Stück will dem Zuschauer bewußt machen, dass wir alle fähig
sind zum Terror, in Form von Hass, von Aggressionen. Es besitzt eine ungeheure
Aktualität und erzählt viel über kollektive Prozesse."
Über seine
Inszenierung verrät der Regisseur so viel, dass er die einzelnen Szenen in
einer Workshop-Situation auf der Bühne darstellen wird. Durch mehrere
Videokameras wird alles, was geschieht, unter Beobachtung gestellt. Sven
Grunert: "Ich möchte das Gefühl vermitteln, dass hier alle in einem Zug sitzen,
dass wir alle Teil einer Entwicklung während einer Zugfahrt sind."

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