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ARCHIV 
Spielzeitheft
September 2009
„Der Raum
drückt eine Sehnsucht aus“
Dramaturgin
Susanne Hindenberg im Gespräch mit Helmut Stürmer
Der Bühnenbildner
von "Endstation Sehnsucht" , Helmut Stürmer ist vom Edinburgh Festival
zurückgekommen, einem der wichtigsten internationalen Festivals für Schauspiel,
Tanz- und Musiktheater in Europa. Dort war die "Faust"-Inszenierung von Silviu
Purcarete zu sehen, dem bekannten, mit zahlreichen Theaterpreisen
ausgezeichneten rumänischen Regisseur. Die Inszenierung entstand 2007 als
Auftragsarbeit der europäischen Kulturhauptstadt Sibiu in einer riesigen
Fabrikhalle mit mehreren Spielflächen. Für die Aufführung beim Edinburgh
Festival im August 2009 transferierte Helmut Stürmer die Inszenierung in eine
große Messeverkaufshalle.
Susanne Hindenberg: Herr Stürmer, wie war Ihre Faust-Arbeit mit Purcarete? Sie
haben für ihn surreale, ausdrucksstarke Bilderwelten kreiert.
Helmut
Stürmer:
Der Grundstein unserer Arbeit ist die Visualisierung von zwei
diversen geistigen Welten, von zwei Theaterformen. Die erste ist die Welt von
"Faust I", dem ersten Teil von Goethes "Faust", von einem klaustrophoben
Klassenzimmer, in dem Faust alt geworden ist, die auch als "realistische
Theaterwelt" beschrieben werden kann. Die zweite Welt ist die Welt von "Faust
II", die wir als einem Ort der Theaterillusion, des Theaters im Theater, eine
Sehnsuchtswelt des eingeschlossenen, in sich gefangenen Intellektuellen
geschaffen haben. Diese Welt der Verführung, einer Unterwelt voller
Sensualität, haben wir in ein riesiges, skurriles Volksfest verwandelt.
Ich habe gelesen, dass mehr als 100 Künstler in dieser freien "Faust"-Adaption
mitwirken. Was sind das für Figuren?
Es gibt nur zwei
Hauptpersonen: Faust und Mephisto. Alle anderen Figuren sind Randfiguren, eine
amorphe Masse, die ständig in das Geschehen einbricht, wie bei Grotowskis
Körpertheater. Das Interessante ist, das am Ende eigentlich Faust mit seiner
verkauften Seele das Opfer sein sollte, bei uns aber scheitert Mephisto an
seiner Unfähigkeit zu echten Gefühlen.
Begeisterte Kritiker fühlen sich an Hieronymus Boschs Welten erinnert. Haben
Sie sich von den Alten Meistern inspirieren lassen?
Die alten Meister trage ich in einer Art inneren
Informationsbibliothek mit mir herum (lacht). Diese Bilder sind gespeichert wie
auf einem Chip und manchmal beziehe ich mich auch ganz unbewusst darauf, und
rufe sie ab.
Am "kleinen Theater" werden Sie in Sven Grunerts Inszenierung "Endstation
Sehnsucht" das Bühnenbild machen. Sven Grunert interessiert an diesem Klassiker
vor allem die Psychologie in ihrem Prozess der inneren Entwurzelung. Können Sie
mir verraten, in was für einer Welt Sie Blanche in "Endstation Sehnsucht"
sehen?
Wir sind noch auf der Suche. Der Raum wird nicht
den Realismus des Textes illustrieren, sondern vielmehr einen Seelenzustand zum
Ausdruck bringen. Wir leben heute in einem politischen knallharten
Pragmatismus, in dem die Entwurzelung von Menschen eine gesellschaftliche Folge
ist. Der Raum, den ich mir vorstelle, drückt eine Sehnsucht aus, sich gegen
diesen Anpassungsdruck zu stemmen, Ausdruck einer Sehnsucht, anders zu leben,
auch mit dem Risiko des Scheiterns.
Wie ist denn Ihre Zusammenarbeit mit Sven Grunert?
Ich glaube, einen Schlüssel zu haben, für das, was
er sich im Hinterkopf ausdenkt, was er sich konzeptionell vorstellt. Und
gleichzeitig zwinge ich ihn manchmal mit meinem Bühnenbild, seine überbordende
Fantasie in lesbare Chiffren umzusetzen. Das könnte man einen
"Disziplinierungsrahmen" nennen, räumliche Orientierungshilfe sozusagen.
Ich bin sehr gespannt auf Ihr Bühnenbild für "Endstation Sehnsucht".

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